Frühkindliche Reflexe und unreife Bewegungsmuster

Frühkindliche Reflexe entwickeln sich bereits während der Schwangerschaft. Sie unterstützen das Baby in wichtigen Bereichen seiner körperlichen und neurologischen Entwicklung.

Dazu gehören unter anderem:

  • die Entwicklung der Muskelspannung,
  • das Gleichgewicht und
  • die Entwicklung von Verbindungen im Gehirn.

Auch bei der Geburt spielen diese Reflexe eine wichtige Rolle. Die automatischen Bewegungen des Babys unterstützen den Geburtsvorgang.

Nach der Geburt treten die Reflexe nach und nach in den Hintergrund. Mit zunehmender Kopfkontrolle und stabilerer Körperhaltung lernt das Kind immer mehr, seine Bewegungen selbst zu steuern. Frühkindliche Reflexmuster werden dadurch zunehmend von bewussteren und gezielteren Bewegungen abgelöst.

Moro-Reflex

Der Moro-Reflex ist eine frühkindliche Schutzreaktion. Er wird ausgelöst, wenn ein Kind plötzlich erschrickt oder sich unsicher fühlt.

Mögliche Auslöser sind beispielsweise:

  • eine plötzliche Bewegung oder das Gefühl zu fallen,
  • laute Geräusche,
  • helles oder plötzlich verändertes Licht,
  • unerwartete Berührungen oder Schmerz sowie
  • andere überraschende Reize.

Dabei reagiert der Körper unmittelbar mit Anspannung und erhöhter Aufmerksamkeit. Herzschlag und Atmung können schneller werden. Manche Kinder beginnen zu weinen, werden wütend oder benötigen anschließend besonders viel Nähe und Sicherheit.

Kurz gesagt

Der Moro-Reflex ist die automatische Reaktion des Körpers auf eine plötzlich als bedrohlich oder unsicher empfundene Situation: 
„Ich erschrecke – ich muss mich schützen.“

Mögliche Auffälligkeiten bei einer fortbestehenden Moro-Reaktion

  • schnelles Erschrecken und starke Reaktionen auf Reize,
  • Geräusch- und Lichtempfindlichkeit,
  • schnelle Überforderung oder starke emotionale Reaktionen,
  • Schwierigkeiten, zur Ruhe zu kommen und sich zu konzentrieren,
  • innere Unruhe und Bewegungsdrang,
  • Schwierigkeiten beim Einschlafen oder Durchschlafen,
  • Unsicherheit in neuen Situationen oder bei Veränderungen sowie
  • Mutismus oder andere Sprachauffälligkeiten.

TLR – Tonischer Labyrinth-Reflex

Der Tonische Labyrinth-Reflex ist ein frühkindlicher Reflex, der für die Entwicklung von Körperhaltung, Gleichgewicht und Orientierung im Raum von Bedeutung ist.

Er unterstützt das Baby dabei, sich aus der zunächst gebeugten Körperhaltung zunehmend aufzurichten und die Wirkung der Schwerkraft zu erfahren.

Im weiteren Verlauf der Entwicklung sollte der Reflex zunehmend in den Hintergrund treten. Bleiben bestimmte Bewegungsmuster bestehen, können Gleichgewicht, Koordination, Körperhaltung und Wahrnehmung beeinträchtigt werden.

Mögliche Auffälligkeiten

  • unsichere Balance und Koordination,
  • auffällige Körperhaltung, beispielsweise Rundrücken oder Zehenspitzengang,
  • Schwierigkeiten mit der räumlichen Orientierung,
  • Probleme bei der visuellen Wahrnehmung,
  • schnelle Ermüdung oder wenig Freude an Bewegung,
  • Höhenangst oder Reiseübelkeit sowie
  • Schwierigkeiten, Bewegungen und Bewegungsabläufe gut zu planen und zu dosieren.

ATNR – Asymmetrisch-Tonischer Nackenreflex – Fechterstellung

Beim ATNR sind Kopfbewegung sowie die Bewegungen von Armen und Beinen miteinander gekoppelt.

Dreht ein Baby den Kopf zu einer Seite,

  • strecken sich Arm und Bein auf der Seite, zu der der Kopf gedreht wird,
  • während sich Arm und Bein auf der gegenüberliegenden Seite beugen.

Mögliche Auswirkungen eines fortbestehenden ATNR

  • Probleme bei Koordination und Gleichgewicht,
  • Schwierigkeiten bei Überkreuzbewegungen, beispielsweise wenn die rechte Hand das linke Knie berührt,
  • Schwierigkeiten beim Schreiben und Lesen,
  • Probleme mit der Hand-Auge-Koordination,
  • Schwierigkeiten, beide Körperseiten unabhängig voneinander zu bewegen sowie
  • ungewollte Bewegungen von Armen und Beinen bei einer Drehung des Kopfes.

STNR – Symmetrisch-Tonischer Nackenreflex

Der STNR unterstützt den Übergang vom Liegen zum Krabbeln und später zum Sitzen.

Wenn das Kind den Kopf nach unten beugt, reagieren Arme und Beine unterschiedlich:

  • Die Arme beugen sich.
  • Die Beine strecken sich.

Streckt das Kind den Kopf nach oben, geschieht das Gegenteil:

  • Die Arme strecken sich.
  • Die Beine beugen sich.

Warum ist der STNR wichtig?

Der Reflex hilft dem Kind dabei, seinen Körper auf das Krabbeln vorzubereiten. Dabei müssen Ober- und Unterkörper unterschiedliche Bewegungen ausführen. Das Kind lernt dadurch zunehmend, Arme und Beine gezielt und unabhängig voneinander zu bewegen.

Mögliche Auffälligkeiten bei einem noch sehr aktiven STNR

  • Eine stabile Sitzhaltung fällt schwer.
  • Das Kind sitzt häufig in einer ungünstigen Haltung.
  • Krabbeln oder koordinierte Bewegungen können erschwert sein.
  • Die Koordination von Ober- und Unterkörper kann schwieriger sein.
  • Bei schulischen Tätigkeiten kann eine längere Sitzhaltung anstrengend sein.

Wichtig zu wissen

Die genannten Auffälligkeiten können ganz unterschiedliche Ursachen haben. Einzelne Beobachtungen lassen daher nicht automatisch darauf schließen, dass frühkindliche Reflexmuster fortbestehen.

Ob und in welchem Umfang unreife Bewegungsmuster eine Rolle spielen, sollte immer im Kontext der gesamten Entwicklung betrachtet und fachlich beurteilt werden.